Mittwoch, 30. Juli 2014

Über Ordnung und Unordnung

Ich bin ganz offen. Ich liebe die Ordnung. Wenn ich heute Unordnung in Ordnung verwandle, bringt das mein inneres Gleichgewicht wieder in Balance. Ich sortiere gern, ordne Dinge nach ihrer Größe und Farbe, verräume Sachen, damit alles an seinem Platz ist. Ach, herrlich! Ich würde mich selbst nicht als Neurotikerin bezeichnen, denn Unordnung macht mich nicht nervös. Ich kann auch einen gewissen Zeitraum (einen absehbaren Zeitraum verständlicherweise) in totaler Unordnung leben. Das ist kein Problem. Aber ich bin dann wieder froh, wenn ich die Unordnung beseitigen und Platz für die Ordnung schaffen kann. In einer kreativen Schaffensphase zum Beispiel. Wenn ich etwas Neues koche oder backe oder wenn ich gerade dabei bin einen Artikel zu schreiben, dann herrscht das totale Chaos. In der Küche wird die gesamte Arbeitsfläche ausgenützt, um sie mit Schüsseln und Töpfen, Schneidbrettern und Tellern zu befüllen, Lebensmittel liegen herum, der Müll ist meistens nicht im Mülleimer, sondern verteilt sich um diesen herum. Beim Schreiben liegen aufgeschlagene Bücher, Zeitschriften und Zettel, Stifte und Post-its auf dem Schreib- und Couchtisch sowie auf dem Boden verstreut. Wenn ich versuche kreativ zu sein, brauche ich die Unordnung irgendwie. Sobald jedoch der kreativer Schaffensprozess abgeschlossen und das Werk vollbracht ist, beginnt der nächste Prozess - die Ordnung wiederherstellen.
Ordnungsliebend war ich schon immer. Als ich noch ein kleines Mädchen war, musste ich bereits alles sortieren und aufräumen, sammeln und organisieren. Wir hatten früher einen alten Schuhkarton mit Unmengen an Buntstiften in verschiedenen Farben und Größen, die ich regelmäßig ausleerte, um sie anschließend in Farbgruppen zu ordnen und innerhalb der Farbe nochmals nach ihrer Größe. Meine kleine Schwester war damals das genaue Gegenteil von mir. Sie wollte nicht aufräumen, nicht sortieren, keine Ordnung halten. Aber sie fand meine Ordnung doch immer ganz schön und bediente sich bei meinen Sachen, weil diese viel schöner verräumt waren. Wir lebten zu zweit in einem größeren Zimmer und hatten ein Stockbett mit zwei Schubladen - eine gehörte mir und meinen Sachen, eine ihr und ihren Sachen. In meiner Schublade herrschte die totale Ordnung, alle Spielsachen waren der Größe nach sortiert und man fand sofort, was man suchte. In ihrer Schublade war Chaos pur, man konnte sie kaum öffnen, weil sie dermaßen vollgestopft war, sodass beim Öffnen der Schublade ständig irgendwelche Spielsachen hängen blieben. Heute fühlt sie sich aber eher zur Ordnung hingezogen und lehnt das Chaos ab.
Als letztes Jahr (Juni 2013) mein Sohn auf die Welt gekommen ist, hat die Beziehung zwischen der Ordnung und mir leider etwas leiden müssen, denn ich fand - gerade in den ersten paar Monaten - neben dem Stillen, Windelwechseln und Babybetreuen wenig bis keine Zeit zum Aufräumen. Zum Glück hat mich mein Mann etwas unterstützt, aber es war nicht dasselbe. Heute ist die Beziehung wieder wie früher. Die Ordnung und ich haben wieder zueinander gefunden und darüber bin ich sehr glücklich. Eine schöne Fotoserie zum Thema Ordnung und Unordnung hat der Schweizer Fotograf Ursus Wehrli gemacht. THE ART OF CLEAN UP heißt das Projekt, in dem er jeweils zwei Fotos präsentiert, eines im Originalzustand, das andere aufgeräumt. Viel Spaß beim Anschauen der Fotos!

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