Samstag, 9. August 2014

Lesestunde - ALICE MUNRO | Der Traum meiner Mutter



Als ich Mama geworden bin und mein Baby tagsüber noch viele Stunden geschlafen hat, suchte ich nach Büchern über das Muttersein. Die meisten Bücher über Muttergefühle und Co sind - sagen wir einmal - naja. Die Sprache ist eher einfach und der Inhalt ist ohne Substanz. Was ich suchte, war anspruchsvolle Literatur mit einer Sprache, die einen fesselt und anspricht. Vielleicht liegt es ja an meinem Hintergrund, aber viele der Bücher, die in den letzten Jahren über die Rolle als Mutter geschrieben wurden, sind einfach nicht wirklich lesenswert. Bis auf das Buch der Philosophin Elisabeth Badinter Der Konflikt: Die Frau und die Mutter. (darüber werde ich noch in den nächsten Wochen oder Monaten berichten) Ich habe einige gelesen und sie belustigen. Man liest sie so nebenbei. Aber das war es auch schon. Die Bücher müssen nicht konzentriert gelesen werden und regen nicht wirklich zum Nachdenken an. Dann fand ich in einer Buchhandlung auf einem schön drapierten Tisch ein Buch von Alice Munro mit dem Titel Der Traum meiner Mutter, das mir gefiel. Sehr sogar.

Die kanadische Schriftstellerin hat nicht umsonst im letzten Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten. Sie schreibt keine Romane, sondern ist für ihre Erzählungen bekannt. Bereits mit jungen Jahren, in ihrer Teenager-Zeit, begann sie mit dem Schreiben. Als Studentin mit gerade mal 20 Jahren wurde ihre erste Kurzgeschichte, The Dimensions of a Shadow, veröffentlicht. Warum sie den Literaturnobelpreis erst so spät erhielt, ist vielen unklar. In ihrem Heimatland wurde sie schon Jahre vorher mit zahlreichen Preisen überhäuft. Die New York Times bezeichnet ihre Erzählungen als "ein literarisches Wunder" und für den amerikansichen Schriftsteller Jonathan Franzen sind ihre Erzählungen "das beste, was die zeitgenössische Literatur Nordamerikas zu bieten hat." Die vier Erzählungen in dem Buch Der Traum meiner Mutter sind im Original 1998 mit vier weiteren Erzählungen in dem Band The Love of a Good Woman erschienen. Die Erzählungen aus Der Traum meiner Mutter sind allesamt einzelne Geschichten und doch verbindet sie ein zentrales Element, die Protagonistinnen werden ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht. Die Geschichten könnten banal wirken, wäre da nicht das große erzählerische Können der kanadischen Schriftstellerin, die auf ihre Art so viel Geheimnis, Tiefsinnigkeit und Symbolik in die Geschichten webt. Dies ist aber auf den ersten Blick nicht gleich erkennbar, da ihre Erzählungen in einem so beiläufigen, kühlen Ton geschrieben sind. Dahinter verbergen sich große Entscheidungen, die auch hätten anders getroffen werden können und man stellt sich als Leser die Frage, wie die Geschichte dann hätte ausgehen können. In der Geschichte "Die Kinder bleiben hier" geht es um Pauline, eine junge, verheiratete Mutter von zwei Mädchen. Die Familie verbringt ihre scheinbar perfekten Ferien gemeinsam mit den Eltern ihres Mannes an der Ostküste von Vancouver Island. Doch für Pauline ist es nicht perfekt. Sie fühlt sich unwohl und genießt die Zeit, die frühen Morgenstunden, in der sie mit ihrer sechzehn Monate alten Tochter im Kinderwagen spazieren geht und eigentlich für sich ist. Sie lernt Jeffrey kennen, der ein Theaterstück, Orpheus und Eurydike, inszeniert und verliebt sich in ihn, eigentlich eher in die Rolle der Eurydike, die sie in dem Stück spielt und entscheidet sich schlußendlich dazu, die Familie zu verlassen, um mit ihm zu sein. Sie liebt ihre beiden Töchter, schreckt vor der Entscheidung, sie zurücklassen zu müssen, zurück, entscheidet sich aber dann dennoch gegen sie und für sich und die scheinbar erfüllende Liebe. Die Geschichte wird retrospektiv erzählt, wie es Munro in ihren Erzählungen häufig macht. Sie endet damit, dass Paulines erwachsenen Kinder sie nach diesem Mann fragen und wissen wollen, ob es Orpheus war, so wie es ihnen ihr Vater immer erzählt hat. "Nein, der bestimmt nicht", antwortet sie ihnen. In diese Worte packt Munro gekonnt die falsche Entscheidung der Hauptfigur. Sie wollte eine Romanheldin sein und zog am Ende die Bilanz, das falsche Leben gewählt zu haben. Ich habe das Buch mit voller Inbrunst gelesen und kann nur empfehlen es selbst zu lesen.

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