Dienstag, 14. Oktober 2014

Lesestunde - ZERUYA SHALEV | Liebesleben


Noch nie zuvor habe ich einen Roman gelesen, der mich derart in seinen Bann zog. Nicht nur die Geschichte ist aufregend, erotisch und manchmal auch verstörend zugleich, sondern auch die Sprache ist von unglaublicher Magie und Ehrlichkeit. Der leider verstorbene Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte, dass dieser Roman überhaupt zum Besten gehört, was er in den letzten Jahren gelesen habe. Und dem kann ich nur vollkommen zustimmen. Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev schafft dies aufgrund ihrer Klugheit, ihrer Raffinesse und nicht zuletzt aufgrund ihres ungeheuren Mutes, das Leben so darzustellen, wie es ist, von Leid durchzogen.

Zeruya Shalev wurde im Kibbutz Kinneret geboren. Sie studierte Bibelwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem und lebt heute mit ihrem dritten Mann und drei Kindern (zwei Kinder aus verschiedenen Ehen und ein Adoptivkind) in Jerusalem. Vor der Veröffentlichung des Romans "Liebesleben" Ende der Neunziger Jahre war sie auch in Israel eine unbekannte Autorin. "Liebesleben" wurde zum Weltbestseller. 2007 ist der Roman unter der Regie von Maria Schrader verfilmt worden.

Der Roman handelt von der jungen, verheirateten Ich-Erzählerin Ja'ara, die gerade an ihrer Dissertation arbeitet und sich um eine universitäre Karriere bemüht. Sie lebt mit ihrem sympathischen und warmherzigen Mann in einer gemeinsamen Wohnung und ist eigentlich glücklich mit ihrem Leben, bis sie auf den älteren Arie, einem Jugendfreund ihres Vaters, trifft. Als sie ihre Eltern besucht, begegnet sie ihm zum allerersten Mal und ist ihm sofort verfallen. "Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür, erfüllte mit seinem Körper den schmalen Eingang, die Hand auf der Türklinke, ich begann zurückzuweichen, schaute nach, ob ich mich vielleicht im Stockwerk geirrt hatte, aber das Namensschild beharrte hartnäckig darauf, daß dies ihre Wohnung war, wenigstens war es ihre Wohnung gewesen, und mit leiser Stimme fragte ich, was ist mit meinen Eltern passiert, und er öffnete weit seinen großen Mund, nichts ist ihnen passiert, Ja'ara, mein Name rutschte aus seinem Mund wie ein Fisch aus dem Netz, und ich stürzte in die Wohnung, mein Arm streifte seinen kühlen glatten Arm, ich ging an dem leeren Wohnzimmer vorbei, öffnete die verschlossene Tür ihres Schlafzimmers. [...]" Der erste Satz des Romans zeugt bereits von der Spannung und Erotik, die sich noch durch das gesamte Buch ziehen wird. Die Beziehung zwischen Ja'ara und Arie besteht aus der völligen Selbstaufgabe und der blinden Demut der jungen Frau gegenüber einem älteren Mann, einem routinierten Liebhaber, der mit dieser Abhängigkeit spielt, als ginge es um nichts. Sie setzt für diese amour fou alles aufs Spiel: ihre Ehe, ihre Karriere, ihre Selbstachtung. Auf die Kritik, dass der Roman den falschen Titel trage, da die Beziehung zwischen den Beiden keine Liebesbeziehung sei, antwortete die Schriftstellerin: "Es gibt vielleicht keine romantische Liebe in diesem Buch, aber dafür viele verschiedene Arten von Liebe. Es gibt leidenschaftliche Liebe, kränkende, besitzergreifende, egoistische, mitleidige, unschuldige, lästige ... und noch viel mehr. Darum geht es mir." Was mir an dieser großartigen Autorin so gut gefällt, ist, dass sie es schafft, ihre Erzählungen so ehrlich und wahr zu gestalten. Die Protagonisten wachsen in ihren Geschichten aufgrund des Leids, das sie erfahren. Vor allem aber aufgrund des Leids, das durch Liebe hervorgerufen wird. Ich kann dieses Buch wirklich nur jedem ans Herz legen, der sich gern schöne und aufregende Literatur zu Gemüte führt und schließe meine Lesestunde mit den Worten des deutschen Journalisten Eckhard Fuhr: "Zeruya Shalev wird literarische Moden überdauern."

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